Tourtagebuch Karmic Society & Ginger 31.1.- 3.2.

31. Januar 2008, 17:30 Uhr
Mit dem nötigsten Equipment ausgerüstet trifft die Heidelberger Band „Karmic Society“ im gemütlichen Schauffhauser Bluesclub „Dolder 2“ im malerischen Rheinstädtchen ein. Zuerst ein Mal wird die Berichterstatterin mit den einzelnen Musikern bekannt gemacht, um den Gesichtern auch Namen zuordnen zu können. Mit auf Tour dabei sind auch der Londoner Lichttechniker Keith Pearson und Fahrer und Roadmanager Arvid. Nach dem Aufstellen und einem kurzen Soundcheck finden wir bald eine gemütliche Holzofenpizzeria auf der anderen Seite des Rheins, wo wir ein verhältnismässig günstiges und gutes Abendessen bekommen.
Als wir in den Club zurückkehren, hat sich dieser schon gut gefüllt und nach einer kurzen Tankpause an der Bar sind Karmic Society bereit für das erste Set des Session Gigs. Jeweils am Donnerstag findet im Dolder 2 die „offene Bühne“ statt, eine Jamsession, an der sich alle anwesenden Musiker beteiligen können, eingeleitet wird der Abend oft von einem Sessiongig einer Band, heute Abend halt eben Karmic Society, mit ihrer allerersten Show in der Schweiz.
31. Januar 2008, 22:30 Uhr
Eine kurze Pause nach dem einstündigen ersten Set, das von Keiths analoger Lichtshow untermalt wird (man stelle sich ein Sammelsurium von Diaprojektoren, bunten Lichtscheiben und spacigen Projektionseffekten vor – und das alles aufgebaut auf einem alten Bügelbrett mit zebramässig schwarz-weiss gestreiften Beinen!)
und schon geht die Jamsession los, in verschiedensten Kombinationen von „Gin Karmic“, wie sich der Musikermix aus „Karmic Society“ und der Gastgeberband „Ginger“ nennt.
Als spät in der Nacht dann allen die Finger weh tun, der Kuchen verputzt ist und die Band von Dolder 2-Chef Tom mit den obligaten Albatrossen aus Backfolie beschenkt worden sind, nehmen wir den Heimweg nach Volketswil unter die Räder, wo die Band für die nächsten drei Tage beherbergt sein wird. Einige Stunden „Afterparty“ später mit interessanten Geschichten aus der Jugendzeit von einigen nicht mehr ganz so jungen Tourgefährten („Ja also, als wir in eurem Alter waren, da haben wir überhaupt NIE geschlafen!“) und einem dialektologischen Linguistikkolloquium („Also, wie sagt ihr in der Schweiz für ... ?“) kriechen dann auch die letzten um sechs Uhr morgens in die Schlafsäcke.
1. Februar 2008, 17:30 Uhr
Nach einem ruhigen und erholsamen Morgen haben wir die Musiker der zwei Bands auf drei Fahrzeuge aufgeteilt (Kombi, Kleinwagen und VW-Bus) und alle haben ihren Weg in die Plattform, die Wohler Venue, in der wir heute Abend gastieren dürfen, gefunden. Aufgestellt ist das Material bei zwei Bands, die alle über die selbe Backline spielen, zum Glück schnell. Der Soundcheck dauert dann bei den einen etwas länger, vor allem, weil sie kurzfristig noch schnell einen Song umschreiben und proben müssen. Die andere Band, die als erste spielt und daher als zweite soundcheckt, hat somit das Nachsehen.
Wie schon andere Male versorgt uns die Crew der Plattform im hauseigenen Restaurant mit einem super leckeren Menu (die Wahl besteht aus einem vegetarischen Menu und einem mit Fleisch). Mit dabei sind heute auch noch Djane Mela und Tontechniker Ozzy, der sich um die Live-Recordings kümmert.
1. Februar 2008, 00:00 Uhr
Es ist Zeit für das Set unserer deutschen Gäste! Die ersten zwei Nummern kommen noch etwas verhalten, aber spätestens nach dem spektakulären Solo des Keyboarders Winnie Rimbach-Sator in der Santana-Covernummer ist das Eis gebrochen und das Quartett packt so richtig aus. Überhaupt orientieren sich Karmic Society in ihren Ansätzen eher am Jazz oder an einem musikalischen Genre, das in den USA „Jamband“ genannt wird: Es gibt zwar durchaus Songs, die aus fixen Akkorden und einer Hookline oder eine fixen Melodie bestehen, doch was zwischen zwei oder drei oder vier Wiederholungen dieses Themas passiert, bleibt oft dem Zufall überlassen. Ganz nach dem Motto: „Just Jam and let the Groove guide you!“. Mit einer tighten Rhythm Section bestehend aus Bassist Karsten Kulinna und Drummer Steff Bollack (die auch andere Projekte zu zwei bestreiten, was man am Zusammenspiel sofort hört) ist der Groove überhaupt kein Problem und der sehr variable Gitarrist Mario Schulz kann sowohl folkig-rauhe Rhythmusgitarrenparts schrummeln, als auch mit wilder Hendrix-Expression und viel Distortion absauen. Dass er dazwischen subtiles Fingerpicking einschiebt und den jazzig-leisen Klängen genau so frönt wie dem Lärm ist ein weiteres Plus. Die Bühnenpräsenz ist jedoch keineswegs diejeniges eines Leadgitarristen: die Musik selber steht im Mittelpunkt, nicht der Musiker. Noch ein Mal etwas, was diese vier (Wahl-)Heidelberger um so sympathischer erscheinen lässt.
Ein kleines Highlight ist der Titelsong „Journey“ zum aktuellen Album, gegen Ende begeistern sie dann noch mit einer sehr eigenständigen instrumentalen Version des Grateful Dead-Klassikers „Dark Star“. Ebenfalls mit im Programm sind die Titelmelodie zu „Raumpatrouille Orion“, der Kult Space-Fiction-Serie der späten 70er-Jahre und die Coverversion des Can-Hits „You Do Right“. Letztgenannter ist auch der einzige Song, bei dem Bassist Karsten seine nicht ganz unansehnliche Stimme auspackt.
2. Februar 2008, 01:45 Uhr
Karmic Society haben soeben ein genial-spaciges, langes Set hingelegt und stürmen nun erschöpft und verschwitzt die Bar, derweil die Ginger-Musiker den Merchandise-Stand betreuen.
Obwohl nicht wahnisinnig viele Gäste in der Plattform sind, ist die Stimmung doch einzigartig und es gibt viele positive Reaktionen auf den sehr abgefahrenen Sound und die losen Jams – eine Sache die man heutzutage live nicht mehr oft hört. Djane Mela lässt den Abend mit Perlen aus 40 Jahren Blues- und Rockgeschichte ausklingen und das Einladen der Autos geht erstaulich schnell von der Hand. Und wieder montiert sich eine Afterparty im Wohnzimmer der Berichterstatterin, mit Pizza, Bier, diesmal aber ohne Linguistikkolloquium. Es scheint, als fühlten sich die 6 Musikfreaks inzwischen schon pudelwohl in der Schweiz, die grosse Sprücheklopferei ist fester Bestandteil des lockeren und freundschaftlichen Umgangs zwischen den Musikern geworden. So kommt es dann auch dass aus der Gastgeberband bald die „unglaublichen Ginger mit ihrem spektakulären Album“ werden.
Auch Tourhund Chica, der diesmal leider aus Platzgründen und wegen der Lärmemissionen zu Hause bleiben musste, hat die 6 Heidelberger sofort ins Herz geschlossen und lässt sich keine Gelegenheit nehmen, diese mit ihren feuchten Küssen und Fuss-Schnapp-Spielen zu beglücken.
2. Februar 2008, 15:00 Uhr
Heute haben wir etwas länger Zeit für unseren Soundcheck, was auch bitter nötig war, weil die mangels genügend Ausgängen zusammen gekoppelten Monitoren für viele unangenehme Störgeräusche sorgten. Hinzu kommt, dass wir auch heute wieder Live-Mitschnitte beider Gigs (sowohl von Ginger als auch von Karmic Society) machen wollen, diesmal jedoch weder den Harddisk-Recorder von gestern, noch den Aufnahmeprofi Ozzy dabei haben. Mit zwei Mischpulten und Tape Operator Winnie gelingen uns aber auch am Samstag im Provitreff in Zürich ganz anständige Aufnahmen, und das obwohl die Venue nicht für ihre gute Akustik bekannt ist.
2. Februar 2008, 21:00 Uhr
Mit Hilfe eines ganzen Heers von Freunden, die die Bar schmeissen, an der Kasse sitzen, Bier ausschenken, am DJ-Pult rocken und Essen für die Band kochen, fühlt sich dieses Fest aus der Party-Reihe „Shake-A-Go-Go“ denn dann auch eher an wie eine gemütliche Wohnzimmerparty im Kreis von engsten Freunden.
2. Februar 2008, 04:00 Uhr
Wieder haben beide Bands je ein langes Set gespielt und auch heute tanzt und rockt das definitiv zahlreichere Publikum zu den vielleicht etwas griffiger interpretierten Songs. Irgendwann mitten in der Nacht, als die ersten schon wieder nach Hause gegangen sind, und die letzten die Bar leertrinken, die Bands am Einladen sind, läuft Djane Mela richtig zur Hochform auf und rekapituliert mit ihrem DJ-Set gleich ereignisreichen letzten drei Tage. Die letzten drei Tage die so lehrreich, schön, verbindend, offen und prägend waren für alle von uns und dich sich für ein so dichtes Programm, das tatsächlich in sie gepackt worden war, kaum stressig angefühlt haben, die letzten drei Tage die niemand von uns so richtig gehen lassen will, weshalb wir morgens um neun noch immer mit den Bierdosen in den Händen auf dem Wohnzimmerboden inmitten eines Chaos von Schlafsäcken, leeren Bierdosen, Kleidern, Gitarren und schlafenden Hunden sitzen während es draussen schon wieder hell ist und sich keiner so richtig dazu überwinden kann, ins Bett zu gehen und sie zu beenden...
...mehr bilder vom samstag von mr. hp jones
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arie - 6. February, 20:13
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