novelties
Das war wieder mal typisch. Während Timon und Harry (die Engel!) die Bühne abbauten, Verstärker schleppten, Gitarren einpackten, Kabel aufrollten, Tape abkratzten, Stimmgeräte zusammensuchten und schliesslich den ganzen Kram in den Bandbus einluden, hängte Nico in der Bar rum und liess sich von den Girls seines Jahrgangs an der Uni bewundern. Von Esther war überhaupt nichts zu sehen.
Also blieb Inga nichts anderes übrig, als den Merchandising-Stand zu hüten, CDs und Ansteck-Buttons zu verkaufen, Werbung zu machen für die nächsten anstehenden Konzerte, Flyer zu verteilen und die ewig gleichen Fragen zu beantworten:
„Wie lange gibt es Libertalia schon?“
oder:
„Bist du denn schon lange mit dabei?“
oder:
„Wie seid ihr denn auf den Bandnamen gekommen, bedeutet der was?“
oder:
„Wann spielt ihr das nächste Mal in..." (und dann kommt jeweils der Name einer Stadt oder eines Kaffs, den man noch nie zuvor gehört hat)
oder einfach:
„Hast du mir deine Handynummer?“.
Auf die letzte Frage zu antworten, war jeweils am einfachsten. Inga pflegte solchen (männlichen) Fragenden zu antworten: „Nein. Ich hab keins“.
Auf alle anderen Fragen hätte sie rein theoretisch auf die Bandhomepage verweisen können (www.libertalia-music.de), aber das wäre doch ein wenig billig, weshalb sie sich immer wieder von Neuem die Mühe machte, den Sachverhalt in blumigen Beschreibungen oder ausgefallenen Anekdoten zu erklären; und sei es nur, damit sie sich selber beim Antworten nicht langweilte.
Randy hätte das jetzt Spass gemacht, da wäre er voll in seinem Element gewesen. Er, der sowieso nie nüchtern auf der Bühne stand, seiner Publikumsscheuheit nur mit Whiskey beikam und mit seinen langen Haaren und seinem „Ritter der Neuzeit“-Hippiehänger-Samtprinz-Outfit ein bisschen aussah wie Jim Morrison (er hatte sogar ein Foto von sich vor dessen Grabstein auf dem Pariser Friedhof Pere Lachaise in seinem Bandordner), war der geborene Alleinunterhalter gewesen. Gewesen, ja. Nun war es Ingas Job, die Ansagen zu machen, und alle fanden, dass sie das mindestens eben genau so gut tat wie Randy. Aber den Merch-Stand zu hüten, das war definitiv eine Aufgabe, die sie hasste.
about
"mondschatten" ist ein sehr junges - geburtsdatum 17. september 2006 - und neues romanprojekt, das in zusammenarbeit von lady atlantis und freakchica entsteht.
es stellt die fortsetzung der romane "atlantic vision cinema island" (der gegenwärtig von lady atlantis verfasst wird) und "in brand" (englisch "on fire") von mir (wobei dies der "working title" ist) dar. von zeit zu zeit werde ich hier einige leseproben aufschalten.
arie - 27. September, 01:28
Ihre Knie wurden schwach, ihr Puls raste. Im Kopf hämmerte es. Sie krallte sich am Fensterbrett fest, bevor sie einsackte. Knallte mit dem Kopf gegen die Tischkante. Schlug ihn noch zwei-, dreimal dagegen.
Dann blieb sie am Boden liegen.
Ihr Körper bebte unter lautlosem Schluchzen.
arie - 28. November, 22:08
„Vanny?“, fragte ich. „Wer ist das denn?“
„Vanny ist meine Freundin“
„Ach.“ Ich kannte seine Frauengeschichten und ich kannte seine Einstellung gegenüber Frauen. „Seit wann denn?“
„Seit dem du gegangen bist“.
„Das ist schon ´ne Weile. Und jetzt hütest du ihren Köter?“
„Wir haben ihn zusammen aus dem Tierheim geholt. Ich pass auf sie auf, wenn Vanny arbeitet.“
Oh, dem schien es ja ernst mit dieser Vanny. Das war neu.
Ich musste zugeben, dass ich eifersüchtig war, obwohl ich keinen Grund zur Eifersucht hatte. Ich war fast drei Jahre mit Martina zusammengewesen, war glücklich mit ihre gewesen, ja sogar so richtig verliebt. Ich hatte sie immer in seine Bude mitgenommen und er hatte nie was gesagt. Wir hatten hundertmal vielleicht auf dem Sofa bei ihm im Wohnzimmer gepennt und Sex gehabt. Er hatte jeweils wechselnde Begleitung gehabt, seit ich ihn kannte. Ich hatte das Gefühl bekommen, dass er eigentlich gar keine Beziehung wollte, sondern nur Sex. Das hatte ich immer insgeheim an ihm bewundert. Dass er den Mädels vormachte, ihr Freund zu sein, um sie ficken zu können. Zumal da er immer jüngere "Freundinnen" gehabt hatte. Wie alt diese Vanny wohl war?
„Wie alt ist Vanny denn?“
„Gleich alt wie du, 21.“
„Ich bin 22“, protestierte ich.
[...]
„Erzähl mir mal, wie du sie kennen gelernt hast, Alter. Bin ja gespannt auf deine Schilderungen.“
„Also, ... Das erste Mal gesehen hab´ ich sie, da waren wir an so ´ner Indie-Party, etwa im Mai, war das. Du und Martina, ihr wart auch dabei.“ Er schien etwas verlegen:
„Nun, sie ist mir eigentlich nur aufgefallen, weil du mit ihr kurz gequatscht hast, aber nicht mehr als eine halbe Minute. Die Martina hatte gar keine Freude daran. Weiss´ halt nicht, ob du dich noch daran erinnerst.“
„Nöö..." Die Geschichte kam mir bekannt vor, aber ich konnte sie nicht einordnen.
"Erzähl mal weiter", forderte ich ihn auf
„Ich hab sie dann am selben Abend auch noch mal angelabert, aber nicht so richtig ernsthaft, mehr einfach so, um mich bemerkbar gemacht zu haben.“
„Der Profi am Werk.“
„Na ja. Bin dann halt des Öfteren ins "Werk" gegangen, immer wenn wieder so ´ne Fete war.“
Das ist noch ziemlich oft, etwa jede zweite Woche.
Und daran konnte ich mich noch erinnern, dass er plötzlich extrem unternehmungslustig geworden war, an den Wochenenden, das war mir auch aufgefallen.
„Nachdem du gegangen bist, bin ich dann mal in die Uni-Kneipe, von der du mir erzählt hast, wo du ja manchmal auch was vertickt hast... und dann bin ich doch tatsächlich noch von nem Typen angequatscht worden, der was brauchte, hab dem gleich 10 Gramm vertickt. Und sie hat eben dort auch gearbeitet anner Theke.“
„Ach. Und dann bist du öfter in die Uni-Kneipe?“
„Ja klar, hatte mit dem Typen dort abgemacht, von nun an jeden Mittwoch um drei Uhr nachmittags schnell vorbeizuschauen, um ihm was mit auf den Weg geben zu können.“
„Und? Wie hast du sie angesprochen?“
„Ich glaub´ fast, sie hat sich noch an mich erinnert.“
„Ja, und?“
„Ja, einmal musste ich zwei Tage lang auf Muttis Köter aufpassen, da hat er noch gelebt, das war, als sie nach Italien gingen, nach Mailand zum Shopping. Also hab ich ihn an jenem Mittwoch halt mitgenommen“
„Und sie ist voll auf ihn abgefahren, was?“
“Exakt. Ich hab ihr dann was erzählt von wegen, ich hätt eigentlich auch ganz gern einen, aber mit Muttis Vierbeiner würde das vermutlich nicht so ganz gut gehen und alleine wär es mir dann doch zu streng“.
Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Das war Pedro wie er leibte und lebte. Ein Vollblutprofi.
„Und wie gings weiter?“, fragte ich.
„Kinder, Kinder! Kommt ja gleich...
Die hat mich dann gefragt, ob ich n gutes Tierheim wüsse, wo man junge Mischlingswelpen her bekomme, und du weißt ja, bei mir in der Nähe hats eines. Sind auch auch schon n paar Mal daran vorbeigefahren.“
Ich erinnerte mich.
„Hab ihr dann das empfohlen, sie hat dann gemeint, sie wüsse nicht, wo es sei, und ob man da hinkomme, mit der Bahn. Ich hab ihr dann gesagt, dass ich in der Nähe wohnte und vorgeschlagen, dass ich sie sonst gerne auf´m Rückweg mitnehmen könnte.“
„Und sie? Hat zugesagt?“
„Ja. Sie hat mir dann erzählt, dass sie das Studium geschmissen habe und hier Teilzeit jobbe und von zu Hause ausziehen wolle, wegen der Eltern, sobald sie etwas Geld beiseite habe, und ne Wohnung gefunden hätte. Und nächsten Herbst fängt sie die Theaterschule an.“
„Klingt ambitioniert. Und wie geht’s weiter?“
„Ich hab sie dann am Ende ihrer Schicht abgeholt, nachdem ich Lumpi wieder zu Mutter gebracht habe, und wir sind abends um halb neun noch zum Tierheim rausgefahren.“
„Wo ihr dann Moon gekauft habt?“
"So ungefähr"
[...]
Es klang wie die perfekte Symbiose.
Ich wollte gerade einen Kommentar darüber abgeben, da sprang der Hund auf und kratzte an der Türe. Sekunden später flog die Türe auf und der Hund hüpfte an einem schwarzhaarigen, schwarzgekleideten zierlichen Mädchen hoch, tanzte wie wild um sie und versuchte, ihr das Gesicht abzulecken.
Das Mädchen bückte sich, dabei fiel ihr das Haar in ihr Gesicht. Sie stellte einen schweren Sack Hundefutter auf den Boden und kniete nieder, um den Hund zu begrüssen:
“Ja hallo Moon, meine Hübsche!“
Dann erst bemerkte sie uns. Sie strich die Haare aus dem Gesicht. Pedro grinste verzückt. Ich erstarrte.
Es war....
„David! Mann! Was machst denn du hier? Ich dachte, du seist am Reisen?“
...Vanessa! Die Gothic-Frau von der Uni.
„Ihr... Ihr kennt euch?“ Pedro schien ehrlich verwirrt.
„Ja, klar, das ist der coole Gitarrist von der Uni, von dem ich dir erzählt hab.“
„Oh Mann! Weshalb hast du das nicht früher gesagt, Dave?“
„Weil er’s auch nicht gewusst hat, vielleicht?“, plapperte Vanessa. "Was für ein komischer ZUfall!"
Sie kam zu mir rüber und umarmte mich:
„Willkommen zurück im realen Leben.“
arie - 11. November, 18:23
Die Wüste belohnte unsere Mühen.
Es war noch besser als in „Easy Rider“: Man fährt durch eine Landschaft, in der es rechts und links genau gleich aussieht, und die sich dabei nicht zu verändern scheint: Man kann eine halbe Stunde fahren, eine Stunde, einen Tag. Rechts und links von einen sieht es immer noch genau gleich aus wie dort, von woher man losgefahren ist.
Der Sonnenuntergang am ersten Abend spielte sich in so vielen Farben ab, grün, rot, violett. Sie wechselten schnell, flossen ineinander, reflektierten: in den Wolken, auf dem Boden, auf der Haut.
Das ganze Schauspiel vollzog sich innert weniger Minuten, wir starrten gebannt in den Himmel und als die Sonne hinter den Bergketten am Horizont verschwunden war, wurde es arschkalt. Wir mussten im Dunkeln das Zelt aufstellen und kochen.
Am nächsten Morgen fuhren wir früh.
Es war noch kalt – mit klammen Fingern packte ich das Zelt zusammen, während Magdalena Schwarztee mit Kondensmilch kochte und zwei Eier briet.
Etwa um sieben Uhr fuhren wir dann los. Die Luft war noch kühl. Dennoch war der Morgen nicht frisch, wie man sich das so generell vorstellt, wenn man an einem Morgen aus dem Zelt kriecht und in schläfriger Trance losfährt. Sie war trocken, geruchlos, kühl. Nicht beissend. Aber sie lebte, schien zu vibrieren.
Vielleicht waren es nur die Vibrationen des Motors, aber ich hatte das Gefühl, dass da etwas in der Luft lag, das lebte.
I WENT TO THE DESERT ON A HORSE WITH NO NAME, IT FELT GOOD TO BE OUT OF THE RAIN
An diesem zweiten Tag kamen wir gut voran. Wir fuhren schnell und wurden fast nicht kontrolliert. Es schien sich einfach keine Menschenseele in der Nähe aufzuhalten. Gegen Abend passierten wir eine Baracke des Roten Kreuzes. Dabei wurden wir kurz von einem Offizier gestoppt und aufgefordert, ihm unsere Pässe zu zeigen und unsere Route auf einer Karte zu beschreiben. Er hielt meinen Pass auf dem Kopf rum und nickte.
Offenbar kamen hier nicht viele Ausländer vorbei.
Wir fuhren noch etwa zehn Kilometer, dann rasteten wir. Inzwischen war vier Uhr nachmittags vorbei, noch zwei Stunden, dann würde es verdammt schnell dunkel und kalt werden.
Als erstes stellten wir das Zelt auf. Magdalena zog dann ihre Cowboyboots aus, setzte sich auf einen Stein, und begann, gedankenverloren, an ihrem Zeichenbleistift herumzukauen, während ich den Koch gab. Auf dem einen Gaskocher machte ich Bohnen aus der Dose, mit vielen Zwiebelringen, Salz und Pfeffer. Auf dem andern machte ich noch ein wenig Reis.
Sie war seltsam ruhig, sass einfach da, mit ihrem Notizbuch im Schoss, mit den Zehen wippend und starrte in die Ferne. Sie machte nicht einmal Anstalten, einen Joint zu rollen, und das obwohl ich kochte, obwohl sie gerne rollte, ja sogar lieber selber rollte, als mich tüten zu lassen, obwohl wir den ganzen Tag gefahren waren und nicht einmal in einer kurzen Pause eins geraucht hatten UND obwohl wir genügend Haschisch für die Überfahrt dabei hatten.
Pakistan lebt nämlich an zweiter Stelle vom Haschexport, hatte ich mir mal sagen lassen. Einfach bei Grenzübergängen müsse man vorsichtig sein, lautete der Rat; wer ihn mir gegeben hatte, weiss ich jedoch nicht mehr.
Und ich hatte verdammt Lust auf einen Joint vor dem Essen, während der Reis da so vor sich hin blubberte und keiner Aufmerksamkeit bedurfte. Ich war verdammt guter Laune und so richtig in Fahrt. Also schnappte ich mir das Grip mit dem braunen Klumpen aus ihrer Fototasche und fing an, eine Tüte zu bauen. Sie beachtete mich kaum.
arie - 5. November, 22:50
Lahore, Pakistan. Wir brausten an Wellblechsiedlungen und schmutzigen Pfützen, nackig-spielenden Kindern und verschleierten Frauen, Ziegen und Hühnern vorbei. Langsam näherten wir uns jenem Gewirr von Dächern, aus dem heraus die Zwiebeltürme der Moscheen und der westlichen Hotels aufragten, Lahore Downtown. Die Sonne sank Richtung Horizont.
Wir waren in Pakistan eingereist, ohne Probleme. Keine übermässige Passkontrolle, keine Fahrzeugkontrolle. Es war ja so einfach gegangen. Viel zu einfach.
Ein paar Sandsäcke, eine kleine Hütte mit zwei Plastikstühlen davor, auf denen die Militäroffiziere gelangweilt in der Zeitung blätterten und eine brüchige HOlzbarriere, deren rot-weiss gestreiftes Muster schon fast verblichen war - das war der Grenzposten gewesen.
Ich hatte erwartet, dass man uns an die Wand stellen und unsere Bikes auseinanderschrauben würden.
An diesem einen Tag waren wir weiter gefahren, als ich je auf meiner Reise in einem Stück gefahren war seit ich das Bike hatte. Gegen sechs Uhr abends kamen wir in Lahore an.
Während wir also an den Wellblechbaracken, den schmutzigen Pfützen, den nackten Kindern und den frei herumrennenden Hühnern vorbeibrausten, in Richtung Stadtzentrum, wo die goldenen Kuppeln der Moscheen im Licht der untergehenden Sonne warm glühten, rannte plötzlich ein violetter Hase vor mir über die Strasse.
Ich bremste abrupt, Kies spritze rechts und links von mir hoch, knallte gegen das Plexivisier meines Helms. Ich erschrak, verlor die KOntrolle über das Fahrzeug und geriet immer mehr in die Mitte der Fahrbahn.
Laut hupend wich der Lastwagen, der sich mir in bedrohlichem Tempo genähert hatte aus, und fuhr dabei am Strassenrand durch einen Haufen aufgescheuchter Hühner und Ziegen.
Da erst bemerkte Magdalena, was los war. Das ganze hatte sich in Sekundenbruchteilen abgespielt. Sie fuhr sofort an dern Rand und bedeutete mir, dasselbe zu tun.
Völlig konfus nahm ich den Helm ab.
"What was that?", fragte sie verärgert.
"A rabbit"
"Oh God! You´re risking your fucking life for a goddamned rabbit? Let that fucking rabbit get smashed under your wheels the next time. That´ll teach it". Sie stampfte entnervt in Richtung Motorrad und wollte wieder aufsteigen.
"But it was a purple one!", warf ich ein. Ich kam mir blöd vor, in jenem Moment als ich das sagte.
"A what?" Sie betrachtete mich besorgt. Kam zu mir rüber, zog ihren Lederhandschuh aus und hob eines meiner Lider etwas an.
Prüfend sah sie mir in die Augen:
"It´s the acid, no?"
Wir schwiegen.
"You´re not used to it".
Es klang anklagend.
Inzwischen hatte sich ein Mob von Kindern um uns gebildet, die alle das selbe wollten: Bakschisch. Irgendie zauberte Magdalena eine Packung Kaugummi hervor und verteilte die einzelnen Tabletten an die Kinder.
"Let us discuss that later", schlug sie vor.
Ich nickte. Setzte meinen Helm auf und wir fuhren weiter.
Doch entgegen meiner Erwartung war die Diskussion nicht vom Tisch.
arie - 1. November, 15:55
Indien schien verheissungsvoll billig und anziehend exotisch. Ausserdem war es weit genug von zu Hause weg und der Buddhismus ist sowieso ´ne feine Sache.
Es war eine kurzfristige, überstürzte Entscheidung gewesen; vier Wochen nachdem ich das Flugticket (einfach) gebucht hatte, sass ich schon in der Maschine. Ich war sogar noch richtig in Stress gekommen so kurz vor dem Abflug: Impfungen mussten erneuert werden, ein Visa wurde benötigt und die Tickets für einige Festivals diesen Sommer, die ich schon gekauft hatte, musste ich wieder im Internet verticken.
Mutter besorgte mir aus der spitalinternen Apotheke Notfallmedikamente, darunter auch Antibiotikum und Ponstan. Zum Glück habe ich beides nicht benötigt.
Zwei Tage vor dem Abflug überwand ich mich nach langem hin und her dann doch dazu, den „lonely planet“ zu kaufen weil ihn, obwohl er nicht so gut ist – was alle sagen, dennoch jeder hat – was niemand zugibt. Ich hatte dann aber erst im Flieger angefangen, darin zu blättern. Anfänglich klebte ich geradezu an den Informationen und (ver)lief (mich) nur nach Karten. Gegen Ende der Reise holte ich den „shitty planet“ oder den „goddamned planet“, wie ich ihn zu nennen pflegte, immer seltener hervor und die letzten paar Stationen meiner Reise checkte ich nach Gefühl und Verstand.
[...]
An meinem ersten richtigen Tag in Delhi richtete ich mich erst einmal in einem billigeren und gemütlichen Hotel im Kolonialstil in Old Delhi ein.
Danach streifte ich den ganzen Tag zu Fuss durch das Zentrum, rund um den Connaught Place. Dabei musste ich ständige Bettler, Verkäufer und lästige Rikschafahrer abschütteln. Es schien mir, als ob jeder es auf mich abgesehen hätte und jeder einzelne, der hier in Delhi lebt, es versuchen würde, mir etwas zu verkaufen, das ich weder braucht, noch wollte und deshalb auch gar nicht nehmen würde. Es ging ja nicht mal ums Feilschen oder um den Preis. Es ging einfach darum, dass ich erst gerade angekommen war und mich zuerst orientieren musste, bevor ich überhaupt wusste, was ich eigentlich wollte.
Es war heiss und laut und dreckig und der Verkehr war der pure Wahnsinn.
„Das Leben hier findet für neunzig Prozent der Bevölkerung auf derStrasse statt“, dachte ich und war zwar stolz auf meine richtige Entdeckung aber auch verwirrt ob dieser Tatsache.
Ich war also ziemlich erledigt, als ich abends wieder zurück ins Hotel kam, wollte duschen, was essen gehen und dann ziemlich zügig ins Bett.
Als ich wieder durch die Hotelhalle schlenderte (wobei „Halle“ bei jenem Hotel stark übertrieben war), fiel mir erst die Bar und der daran sitzende Typ auf.
Ich hängte mich ebenfalls an den Tresen und bestellte ein Bier. Ein Kingfisher´s, weil das damals auch grad die einzige indische Biersorte war, die ich schon kannte.
Der Barkeeper mit weissem Hemd und Fliege, fing an, mit einem gelfrisierten indischen Teenager zu diskutieren, daraufhin rannte dieser los, offenbar um etwas zu holen. Der Barkeeper fing an, die Biergläser zu polieren.
Ich musterte den Typen an der Bar.
Er schien Europäer zu sein, hatte halblanges Haar mit graumelierten Koteletten an den Schläfen. Er schien etwa Mitte vierzig zu sein. Neben ihm am Boden stand eine Sportttasche, schwarz aus Leder mit hellbraunen Henkeln. Rosso stand darauf. Sie war ziemlich klein und halbleer. Sein Sakko hatte er über den Barhocker zwischen uns gelegt. Er blätterete in der englischen Ausgabe der „Hindustan Times“.
Was der wohl für Geschäfte hier in Delhi trieb?
Ich versuchte mir auszumalen, was ihn hierherführte. Vielleicht war er ja ein Drogenhändler. Oder Pilot. "Auf alle Fälle etwas abenteuerliches, wo man viel in Lebensgefahr schwebt", dachte ich.
Er startete den Motor von neuem.
Ich spielte mit dem Schlüssel. Meinem Schlüssel. Meine Finger waren klebrig. Blutig-klebrig. Blutich-klebrich. „Leibzich“, hallte es in meinem Kopf.
Ich erinnerte mich deutlich, seinen Zimmerschlüssel in der Aussentasche seines Sakkos gespürt zu haben. Weshalb hatte ich den nicht auch mitgenommen?
„Leibzich, Leibzich“.
Mir wurde schwindlig. Die Rikscha raste durch ein Meer von Gehupe und Gestank.
Das erinnerte mich an meinen ersten Psylocybin-Trip. Magic Mushrooms. Allerdings nicht nur. Eine halbe Flasche Vodka war auch noch im Spiel gewesen. Meine Wahrnehmung muss damals etwa ähnlich unfokussiert gewesen sein.
Ich konnte gerade noch den Kopf seitlich raushalten, dann kotze ich los.
Erstaunlich geschickt manövrierte der Fahrer sein Gefährt auf den Bürgersteig. Ich würgte noch zwei-, dreimal, dann torkelte ich heraus.
Zu meinem Erstaunen sah ich etwa fünfzig Schritte weiter das Leuchtschild meines
Hotels. Immer noch schwankend kramte ich meine Brieftasche hervor und drückte dem völlig verdutzten Mann zwei Hundertrupienscheine in die Hand. Dusslig und benommen lief ich das letzte Stück bis zum Hoteleingang. Seine Rufe ignorierte ich.
In jener Nacht träumte ich von Martina. Zum ersten Mal, seit ich gegangen war.
Ich träumte, ich sei von Indien zurückgekehrt und hätte sie auf ihr Handy angerufen. Wir hätten über eine Stunde am Telefon miteinander gesprochen, dann sei der Akku ihres Geräts leer geworden. Sie hätte gerade noch sagen können: „Triff mich in einer Stunde. Am Ku´damm.“
[...]
Ich hätte beschlossen, zu ihr zu fahren, und ihr die ganze Sache zu erklären. Offenbar hatte ich schlicht die Orientierung in meiner Heimatstadt verloren.
Also sei ich mit der S9 zum Ostbahnhof gefahren. Als ich dort ausgestiegen wäre, hätte sich dort allerdings der Bahnhof Zoo befunden.
„Mit etwas Glück“, hätte ich gedacht, „wohnt Martina als jetzt beim Zoo.“ Am Bahnhof Zoo wär ich dann wieder ausgestiegen, und zwar mitten auf dem Ku´damm.
Wo sie dann auch tatsächlich wartete.
[...]
Ich wachte auf, weil es an meiner Zimmertür polterte. Ich blickte auf die Uhr und sprang auf. Es war zehn Minuten vor fünf. Um fünf würde der Bus fahren.
Mit der Zahnbürste im Mund packte ich im Eiltempo meinen Rucksack. Dabei ging das Frottiertuch vergessen.
Es war der Hotelportier gewesen, der mich geweckt hatte, weil ich ihm am Abend zuvor noch gesagt hatte, dass ich um fünf raus müsse und dass er doch bitte das Tor aufschliessen solle. Jetzt hatte er mich sogar noch geweckt, sonst hätte ich wohl den Bus verpasst.
Ich rannte so schnell ich konnte zum Busbahnhof. Aus der nächsten Seitengasse bogen drei dunkelhäutige, arabisch aussehende Typen in meinem Alter und rannten ebenfalls mit mir auf den Bus. Einer von ihnen ass während des Rennens einen indischen Schokoriegel und erzählte lamentierend eine Story in einer Sprache die ich nicht verstand.
Trotzdem musste ich mit den Jungs mitlachen, als wir beim Bus ankamen und die sauren Gesichter der anderen Fahrgäste sahen.
[...]
Kaum hatten wir unsere Rucksäcke auf dem Dach verstaut, fingen sie wieder an loszuprusten. Der eine kam zu mir rüber und sprach mich an:
"My friend". Er rollte das "r" ganz gewaltig.
"You remember when we were runnig. One of the guys was joking that we dont have to run, becos the busdrives is late too. And you know what? The bus driver is really late. He is not here.”
Das war zuviel. Wir kugelten uns vor Lachen, während die anderen Fahrgäste das ganz und gar nicht witzig fanden.
Dann holte er ein selbstgebasteltes Cola-Flaschen-Bong hervor und wir setzten uns zu seinen Freunden auf eine niedrige Mauer. Jeder von uns blies sich eine Ladung kaschmirischen Haschisch ins Hirn.
„Fear and Loathing in Kashmir, morgens um fünf. Wenn das keine gute Zeit in Leh wird...“, dachte ich.
Und dann kam schon der verpennt dreinschauende Fahrer angeschlurft.
Den Traum von Martina hatte ich schon wieder komplett vergessen. Vielleicht wäre es gut gewesen, ich hätte einige Minuten darüber nachgedacht und versucht zu interpretieren, was er mir wohl sagen wollte.